Sichere Schlafplätze für Kinder: Neue Anlaufstelle in Zürich

*** Triggerwarnung: In diesem Artikel wird häusliche Gewalt beschrieben. ***


Schutzplätze für Kinder - Jedes Jahr finden hunderte Kinder in Not in Zürich keinen Schutzplatz. Nun aber gibt es für sie eine neue Anlaufstelle.

Selina suchte Ende letztes Jahr Schutz im Schlupfhuus, einer Kriseninterventionsstelle in der Stadt Zürich – zu heftig eskalierten jeweils die Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter. Im Schlupfhuus fand die 18-Jährige einen sicheren Schlafplatz und ein psychologisches Betreuungsangebot.

Hunderte Kinder müssen abgewiesen werden

Selinas Schicksal ist kein Einzelfall. So wie ihr ergeht es vielen jungen Menschen. Aber: Nicht alle haben das Glück, einen Platz im Schlupfhuus zu bekommen und dort eine Weile wohnen zu können.

«Wir haben jedes Jahr etwa 200 Kinder, bei denen wir das Gefühl haben, sie bräuchten einen Schutzplatz, wir aber kein Bett zur Verfügung stellen können», sagt Schlupfhuus-Leiter Lucas Maissen. Die Zahl abgewiesener Kinder habe sich in nur wenigen Jahren verdoppelt.

Als Reaktion auf diesen Notstand wurde Anfang Juni mitten in Zürich ein zweites Schlupfhuus eröffnet – mit sieben zusätzlichen Schlafplätzen speziell für Kinder zwischen zehn und vierzehn Jahren.

Das Angebot ist niederschwellig gehalten. Kinder oder Jugendliche können sich einfach melden oder vorbeikommen. Eine Zuweisung durch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde braucht es nicht. Maissen sagt: «Die, die Hilfe brauchen, können nach einem ersten Austausch bei uns einziehen.»

Kinder, Eltern, Fachleute: Alle sind involviert

Sobald ein Kind sicher im Schlupfhuus untergebracht ist, werden die Eltern telefonisch informiert. Der genaue Ort wird aus Schutzgründen manchmal geheim gehalten. «Es gibt natürlich Situationen, in denen die Kinder und Jugendlichen Schutz benötigen», sagt Maissen. «Wir haben ein Schutzdispositiv.»

Es gebe aber auch Situationen, so Maissen, in denen man das Vertrauen zu den Eltern aufbauen könne und sie froh seien, dass auch sie unterstützt würden. Kinder, Eltern und Fachpersonen müssten gemeinsam nachhaltige Lösungen suchen, um die Situation zu Hause zu verbessern.

Pro Juventute: Beratungen haben sich verdreifacht

Kinder und Jugendliche melden zunehmend Gewalt in der Familie. Dazu hat die Stiftung Pro Juventute im letzten Jahr jeden Tag 22 Beratungen über ihre Hotline 147 durchgeführt. Im Jahr 2021 waren es noch sieben bis acht Beratungen. Dies entspricht einer Verdreifachung der Fälle in nur fünf Jahren. Die zunehmenden Meldungen an Fachstellen und die in Spitälern registrierten Misshandlungsfälle unterstreichen den Handlungsbedarf. Gleichzeitig gehen Fachpersonen auch von einer hohen Dunkelziffer aus.

Im Durchschnitt bleiben Kinder und Jugendliche fast zwei Monate im Schlupfhuus. Die Wege danach sind unterschiedlich: Rund 40 Prozent kehren wieder nach Hause zurück, werden dabei aber sozialpädagogisch unterstützt. Andere gehen ins Heim, wieder andere in eine betreute Wohnform.

Selina hat die innere Ruhe gefunden

Für Selina war die Zeit im Schlupfhuus ein Wendepunkt. «Ich habe die Zeit als sehr hilfreich empfunden», erzählt sie. Sie habe gelernt, eigene Entscheidungen zu treffen, habe aber jederzeit Unterstützung erhalten, wenn sie diese benötigt habe.

Heute lebt Selina betreut in einer eigenen Wohnung und hat, wie sie sagt, ihre «innere Ruhe gefunden – ohne Streit und ohne Angst».

Weiterlesen  - ein Beitrag von SRF erschienen am 05.10.2026