Wiedereinstieg nach Familienpause

Die Geburt eines Kindes bringt tiefgreifende Veränderungen mit sich – körperlich, emotional und organisatorisch. In vielen Familien wirkt sich dies auch auf die Erwerbstätigkeit aus. In der Schweiz reduzieren beispielsweise in Paarfamilien mit Mutter und Vater nach der Geburt eines Kindes weiterhin vor allem Mütter ihr Arbeitspensum oder unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit ganz, während Väter meist Vollzeit oder in hohem Pensum erwerbstätig bleiben. Hingegen zeigen Studien, dass Erwerbs-, Haushalts- und Care-Arbeit in gleichgeschlechtlichen Paaren egalitärer aufgeteilt werden (Quelle Geserick & Buchebner-Ferstl 2024). In Ein-Eltern-Familien liegt die Verantwortung für Care- sowie Erwerbsarbeit meist hauptsächlich bei einer Person, wodurch sich Vereinbarkeitsprobleme sowie ein höheres Armutsrisiko ergeben (Quelle Hahmann 2025).

Diese Muster, besonders die Spezialisierung in Paarfamilien mit Mutter und Vater, sind weniger Ausdruck individueller Präferenzen als vielmehr Ergebnis bestehender Rahmenbedingungen – etwa im Bereich Kinderbetreuung – sowie immer noch vorherrschender gesellschaftlicher Normen. Dagegen wird zwischen gleichgeschlechtlichen Elternteilen oft mehr über die Arbeitsaufteilung verhandelt. Für Ein-Eltern-Familien ist eine solche Verhandlung kaum möglich. Da gesellschaftliche und institutionelle Strukturen mehrheitlich auf Familien mit zwei Elternteilen ausgerichtet sind, ergeben sich für Ein-Eltern-Familien zusätzliche Herausforderungen.

Wie sieht die rechtliche Lage von Eltern aus?

Nach der Geburt besteht für Mütter während 14 Wochen Anspruch auf eine Mutterschaftsentschädigung in der Höhe von 80% des durchschnittlichen Erwerbseinkommens vor der Geburt (Quelle Informationsstelle AHV/IV). Die Mutterschaftsentschädigung kann direkt über die Arbeitgebenden oder über die Ausgleichskasse beantragt werden (Quelle SVA Zürich). Nach der Geburt besteht ein rechtliches Arbeitsverbot während der ersten 8 Wochen sowie ein Kündigungsschutz für bis zu 16 Wochen nach der Geburt (Quelle SECO).

Nach Ablauf des Mutterschaftsurlaubs besteht jedoch kein genereller Anspruch auf eine Reduktion des Arbeitspensums. Arbeitgebende sind nicht verpflichtet, ein reduziertes Pensum anzubieten (Quelle jobs.ch).  Falls eine Weiterbeschäftigung in reduziertem Umfang möglich ist, empfiehlt es sich, Erwartungen, Arbeitsumfang und Rahmenbedingungen frühzeitig gemeinsam zu klären.

Warum ist eine differenzierte Betrachtung wichtig?

Ob und wann Eltern nach der Geburt eines Kindes wieder erwerbstätig sein möchten, ist sehr unterschiedlich. Manche entscheiden sich für einen raschen Wiedereinstieg, andere für eine längere Familienphase oder für flexible Übergänge. Diese Entscheidungen sind jedoch nicht immer vollständig freiwillig, sondern oft stark abhängig von äusseren Faktoren, wie der Verfügbarkeit und Bezahlbarkeit von familienergänzender Kinderbetreuung, der finanziellen Situation oder den Möglichkeiten am Arbeitsplatz.

Der Mutterschaftsurlaub erfüllt eine zentrale Funktion. Er dient der körperlichen Erholung nach der Geburt, der Anpassung an neue Lebensrealitäten und dem Aufbau einer stabilen Beziehung zum Kind. Diese Phase ist kein Leerlauf, sondern eine anspruchsvolle Zeit mit hohem Einsatz und Verantwortung.

Ergänzend dazu ist in der Schweiz auch der Urlaub des zweiten Elternteils ein wichtiger Schritt hin zu einer stärkeren Einbindung dieses Elternteils. Aktuell umfasst dieser zwei Wochen, die innerhalb der ersten sechs Wochen nach der Geburt bezogen werden können, und ist damit deutlich kürzer als der Mutterschaftsurlaub. Daher wird politisch über weitergehende Modelle diskutiert, etwa im Rahmen der Familienzeit-Initiative, die eine paritätische Elternzeit für beide Elternteile vorsieht. Diese Debatten zeigen, dass die Ausgestaltung früher Familienphasen zunehmend als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden wird.

Gleichzeitig ist es sinnvoll, sich auch über mögliche langfristige Auswirkungen von Erwerbsunterbrüchen Gedanken zu machen, etwa im Hinblick auf Einkommen, berufliche Entwicklung, finanzielle Abhängigkeiten oder Altersvorsorge.

Welche Auswirkungen hat ein verzögerter Wiedereinstieg?

Ein längerer Erwerbsunterbruch oder ein stark reduziertes Arbeitspensum kann verschiedene Folgen haben.

Dazu gehören geringere Erwerbseinkommen, eingeschränkte Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten, tiefere Beiträge an die berufliche und private Vorsorge sowie ein erhöhtes Risiko von Altersarmut. Ein geringeres Erwerbseinkommen kann finanzielle Abhängigkeiten innerhalb der Partnerschaft verstärken und Risiken bei Trennung, Krankheit oder Erwerbslosigkeit erhöhen. Mit zunehmender Dauer eines Erwerbsunterbruchs wird der Wiedereinstieg in manchen Branchen zudem anspruchsvoller, etwa aufgrund veränderter Anforderungen oder fehlender beruflicher Netzwerke.

Diese Effekte betreffen heutzutage überwiegend Frauen und verstärken bestehende Ungleichheiten über den Lebenslauf hinweg.

Diese Hinweise sollen nicht verunsichern, sondern dazu beitragen, mögliche Folgen frühzeitig mitzudenken, informierte Entscheidungen zu ermöglichen und strukturelle Risiken sichtbar zu machen.

Eine Möglichkeit, herauszufinden, welche Auswirkungen Lebensentscheidungen haben, bietet das Tool zur smarten Lebensplanung von alliance F: Cash or Crash.

Wie gelingt ein Wiedereinstieg?

Ein Wiedereinstieg gelingt besonders gut, wenn er nicht allein als Aufgabe der Mutter verstanden wird, sondern als gemeinsamer Prozess, an dem auch zweite Elternteile und Arbeitgebende massgebend beteiligt sind.

Einer der wichtigsten Punkte ist die Organisation  der Kinderbetreuung. Diese muss in gewünschtem Rahmen sichergestellt werden, damit Eltern einer Erwerbstätigkeit nachgehen können. Neben den Eltern können je nach Bedürfnissen weitere Familienangehörige, Freund*innen, Bekannte und/oder Kita’s Betreuungsaufgaben übernehmen. Wichtig ist dabei auch, allfällige Erwartungen und eine mögliche Bezahlung frühzeitig zu klären. Kita-Plätze sind teilweise subventioniert.

Die Mutter bzw. gebärende Person

Nicht jede Mutter oder gebärende Person kann oder möchte sich während des Mutterschaftsurlaubs mit beruflicher Planung oder Weiterbildung befassen. Der Alltag mit einem Neugeborenen ist zeitintensiv und körperlich fordernd. Entsprechend sollten Erwartungen realistisch bleiben.

Gleichzeitig kann es – wo möglich – hilfreich sein, sich bereits vor der Geburt erste Gedanken zum Wiedereinstieg zu machen, etwa zum Arbeitsumfang, zeitlichen Modellen oder Betreuungsarrangements. Gespräche mit dem zweiten Elternteil sowie Arbeitgebenden können dabei unterstützen, realistische Perspektiven zu entwickeln. Planung bedeutet dabei nicht Festlegung, sondern Orientierung und Vorbereitung auf mögliche Optionen.

Wird ein Wiedereinstieg nach einer längeren Phase der Elternzeit angestrebt, gibt es diverse Angebote zur Beratung und Unterstützung (z.B. AMIE Basel, infostelle arbeit oder «Wiedereinstieg ins Berufsleben» des Kantons Basel Stadt). Zudem kann in einer solchen Situation eine Weiterbildung von Nutzen sein, um sich den aktuellen Erwartungen des Arbeitsmarktes anzupassen.

Der zweite Elternteil

Auch der andere Elternteil spielt eine zentrale Rolle. Eine frühzeitige Auseinandersetzung mit der Aufteilung von Erwerbs-, Haus- und Familienarbeit kann entlasten und neue Spielräume eröffnen. Teilzeitarbeit, flexible Arbeitszeiten oder längere Betreuungszeiten des zweiten Elternteils können zu einer ausgewogeneren Verteilung der Verantwortung beitragen. Eine doppelte Belastung der gebärenden Person kann nur vermieden werden, wenn nach dem Wiedereinstieg auch die Haus- und Familienarbeit entsprechend aufgeteilt wird.

Diese Beteiligung ist jedoch nur im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten umsetzbar. Finanzielle Ressourcen und staatliche Unterstützung beeinflussen massgeblich, wie Verantwortung innerhalb der Familie aufgeteilt werden kann. Arbeitgebende sind ebenfalls in der Verantwortung, die aktive Rolle von Vätern und Co-Eltern in der Familienarbeit zu ermöglichen und zu fördern.

Arbeitgebende

Arbeitgebende können wesentlich dazu beitragen, dass Wiedereinstiege nachhaltig gelingen. Dazu gehören transparente Regelungen, flexible Arbeitsmodelle, betriebsinternes Mentoring und eine Unternehmenskultur, in der Elternschaft nicht als Karrierenachteil verstanden wird. Instrumente wie der Family Score oder Best Practices unterstützen Arbeitgebende dabei, bestehende Angebote zu reflektieren und weiterzuentwickeln.

Wiedereinstieg als individueller Prozess

Pro Familia Schweiz setzt sich dafür ein, dass Frauen nach der Geburt eines Kindes nicht aus strukturellen Gründen aus dem Erwerbsleben gedrängt werden. Familien sollen echte Wahlfreiheit haben, ohne langfristige finanzielle oder berufliche Nachteile.

Die Konsequenzen eines längeren Erwerbsunterbruchs können erheblich sein: Verlust der finanziellen Unabhängigkeit, geringere Chancen auf Führungspositionen oder tiefere Rentenansprüche. Solche Aspekte sollten frühzeitig mitgedacht und, wo möglich, gemeinsam mit dem zweiten Elternteil sowie den Arbeitgebenden besprochen werden.

Ein Wiedereinstieg bedeutet nicht zwangsläufig eine Rückkehr zum früheren Arbeitsmodell. Viele Eltern passen ihr Pensum, ihre Aufgaben oder ihre Prioritäten an. Solche Anpassungen sind Teil eines normalen biografischen Verlaufs und verdienen Anerkennung.

Entscheidend ist, dass Eltern Zugang zu verlässlichen Informationen haben und Entscheidungen selbstbestimmt und gut informiert treffen können. Jede Familie muss für sich die beste Lösung finden. Ziel sollte dabei sein, dass Frauen durch Familienarbeit langfristig nicht benachteiligt werden.

Pro Familia Schweiz setzt sich ein für…
  • Bessere Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit.
  • Eine gerechtere Verteilung von Haus-, Betreuungs- und Erwerbsarbeit zwischen den Elternteilen.
  • Den Abbau struktureller Benachteiligungen von Frauen im Erwerbsleben.
  • Verlässliche Informationen und Orientierungshilfen für Familien und Arbeitgebende.
  • Die wirtschaftliche Absicherung und finanzielle Unabhängigkeit beider Elternteile.
  • Familienfreundliche Arbeitsmodelle und diskriminierungsfreie Unternehmenskulturen.
  • Die gesellschaftliche Anerkennung von Care-Arbeit.
  • Mehr Wahlfreiheit für Familien durch bezahlbare, zugängliche und qualitativ hochwertige Kinderbetreuungsangebote.
  • Eine Familienpolitik, die unterschiedliche Familienformen mitdenkt und berücksichtigt.

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Neues Factsheet: Durch Mutterschaft erworbene Kompetenzen

Durch die tagtägliche Sorge- und Betreuungsarbeit eignen sich Mütter viele neue Kompetenzen an oder verstärken bereits vorhandene Fähigkeiten. Diverse Studien haben gezeigt, dass Elternkompetenzen auch im Arbeitsalltag von Bedeutung sind und dazu führen können, dass Mütter im Berufsalltag besonders effektiv agieren. In diesem Factsheet machen wir deshalb auf die positiven Effekte der Mutterschaft im Kontext der Erwerbstätigkeit aufmerksam. Darüber hinaus geben wir einen Einblick in die aktuelle Situation von Müttern auf dem Arbeitsmarkt und zeigen Arbeitgebenden auf, wieso es sich lohnt, den Fokus verstärkt auf Mütter zu legen. Zudem informieren wir darüber, wie Mütter ihre neu erworbenen Fähigkeiten gezielt einsetzen und welchen Beitrag Unternehmen dabei leisten können. Mehr erfahren

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